Beim diesjährigen Rosenmontagsumzug in Dortmund beteiligte sich ein Karnevalsverein mit einem Wagen, der eine eindeutig antiziganistische Aufschrift trug. Als Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit nehmen wir diesen Vorfall zum Anlass für eine kritische Stellungnahme, die wir im Folgenden dokumentieren.
Rosenmontag in Dortmund: Rund 75.000 Menschen feiern Karneval bei dem jährlichen Umzug in der Innenstadt. Unter den 20 Wagen befindet sich auch einer des Karnevelvereins Deutsche Bühne 1878. Dessen Aufschrift lautet: »früher Z.-Schnitzel* mit Stolz, heute veganer Paprikaklops aus Bohnenrotz«. Nur wenige Besucher*innen des Umzugs scheinen Anstoß daran genommen zu haben, dass auf diese Weise ein rassistischer Sprachgebrauch transportiert wird, der aktuell in Sozialen Netzwerken problematisiert wird.
Die verwendete Bezeichnung ist kein harmloser Nostalgiebegriff, sondern ein historisch belastetes Fremd- und Schimpfwort gegenüber Sintezze und Romnja. Der Begriff »Z.« ist unmittelbar verbunden mit der jahrhundertelangen Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und systematischer Gewalt bis hin zum nationalsozialistischen Völkermord an europäischen Sintezze und Romnja. Auch gegenwärtig wird der Begriff genutzt, um Menschen zu stigmatisieren und anzufeinden. Seine unreflektierte oder gar demonstrativ »stolze« Verwendung reproduziert antiziganistische Denkmuster und normalisiert diskriminierende Sprache. Zurecht wird der Begriff daher zunehmend in Frage
gestellt.
Antiziganismus ist kein abstraktes Phänomen, sondern eine reale, bis heute wirkmächtige Form von Rassismus. Er äußert sich in stereotypen Zuschreibungen, Ausgrenzung und struktureller Benachteiligung. Wenn ein solcher Begriff im Rahmen eines großen öffentlichen Karnevalsumzugs vermeintlich ironisch genutzt und mit kulturkämpferischen Botschaften verbunden wird, verstärkt dies bestehende Ressentiments. Natürlich lebt der Karneval von Satire und Zuspitzung. Diese verliert jedoch ihre Legitimation dort, wo sie nach unten tritt – also marginalisierte Gruppen herabwürdigt, die historisch und gegenwärtig Diskriminierung erfahren.
Die Gegenüberstellung eines angeblich »stolzen Früher« mit einem abgewerteten »heute« bedient nicht nur antiziganistische Stereotype, sondern konstruiert zugleich ein Bedrohungsszenario vermeintlicher kultureller Verluste. Auf diese Weise werden individuelle Ernährungsfragen zu einem Kulturkampf stilisiert. Die Inszenierung eines vermeintlichen Verbots dient so der Mobilisierung gegen einen als negativ erlebten gesellschaftlichen Wandel. Wenn sich die Mitglieder des betreffenden Karnevalsvereins offenbar derart in ihrer Sprach- und Ernährungspraxis eingeschränkt fühlen, so stellt sich die Frage, warum sie dann ihre Vorstellungen den Teilnehmenden des Karnevals offensiv in diskriminierender Weise aufdrängen möchten.
Es gibt keinen guten Grund dafür, den Z.-Begriff zu verwenden, weder aus Gewohnheit oder Verklärung, noch aus Protest. Der verwendete Satz auf dem Wagen dient unserer Aufassung nach ausschließlich der Provokation. Als Antidiskriminierungsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde Dortmund kritisieren wird die Normalisierung und öffentliche Verbreitung rassistischer Sprache und solidarisieren uns mit den Betroffenen von Antiziganismus. An dieser Stelle weisen wir auch gerne noch einmal auf die Meldestelle DINA NRW hin, welche antiziganistische Vorfälle erfasst und dokumentiert.
Wir fordern die Verantwortlichen des Dortmunder Rosenmontagszuges auf, ihre Auswahlkriterien für Motivwagen zu überprüfen und künftig keine Beiträge mehr zuzulassen, die rassistische oder antiziganistische Inhalte transportieren. Meinungsfreiheit bedeutet nicht Freiheit von Kritik – und sie entbindet Veranstalter*innen nicht von ihrer Verantwortung für die gesellschaftlichen Signale, die sie senden.
ADIRA ist eine vom Land NRW geförderte Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit in Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde Dortmund. Wir beraten und unterstützen Betroffene von Antisemitismus und Diskriminierung.
* Um den rassistischen Begriff nicht weiter zu reproduzieren, kürzen wir ihn ab.
